00:02
Hallo und herzlich willkommen zu Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen. Ich bin Rudi Zerne.
00:19
Und ich bin Conny Neumeier. Auch von mir herzlich willkommen. Rudi, erinnerst du dich noch dran, als du das letzte Mal im Möbelhaus warst, dir neue Möbel gekauft hast? Ja.
00:29
Wann ich mir das letzte Mal neue Möbel gekauft habe, das weiß ich jetzt nicht mehr. Aber einmal pro Halbjahr gehen wir dann doch, also meine Frau und ich gemeinsam, ein wenig bummeln durch so ein Möbelhaus. Man kann sich gut inspirieren lassen, aber ansonsten ist die Wohnung voll mit Möbeln. Ich habe keinen Bedarf.
00:44
Ich schon. Ich bin gerade umgezogen und bin sehr oft in Möbelhäusern. Zu oft für meinen Geschmack. Bei uns geht es heute genau um das, einen Einkauf im Möbelhaus.
00:53
Richtig, genauer. Es geht um eine Explosion in der Dresdner Filiale einer Möbelhauskette. So viel schon mal vorweg. Das Ganze ging einigermaßen glimpflich aus. Zum Glück waren danach nur zwei Menschen in medizinischer Behandlung. Allerdings nahm der Fall schnell größere Dimensionen an als zunächst erwartet.
01:12
Dass das Verbrechen schließlich geklärt wurde, war unter anderem das Ergebnis einer ganz besonderen Kooperation. Schon sehr früh war nämlich Europol beteiligt. Und man kann sagen, die Zusammenarbeit der Ermittler aus mehreren europäischen Ländern hat am Ende dazu geführt, dass nicht noch Schlimmeres passiert ist.
01:30
Während der Ermittlungen war die Lage in den Häusern der Möbelhauskette natürlich sehr angespannt. Wie Unternehmen sich auf solche Extremsituationen vorbereiten können und was man im Ernstfall tun sollte oder muss, darüber hat unsere Redaktion vor dieser Folge mit Jörg Trauboth gesprochen. Der hat als Krisenberater viele Jahre lang Unternehmen dabei unterstützt, sich auf Bombendrohungen, Erpressungen und vieles mehr vorzubereiten und solche Krisen dann auch zu meistern.
01:55
Doch bevor wir gleich einsteigen, möchten wir unsere heutigen Studiogäste begrüßen. Kriminaldirektor Andreas Schrader und erster Kriminalhauptkommissar Reiko Mertins vom Landeskriminalamt Sachsen. Die beiden haben damals maßgeblich dazu beigetragen, den Fallkomplex aufzuklären. An Sie beide erstmal herzlich willkommen bei uns.
02:14
Schön, dass Sie da sind.
02:15
Ja, hallo und guten Morgen und ich freue mich, dass ich hier bin heute. Ja, schönen guten Tag. Hallo. Herr Schrader, Sie haben damals beim LKA das Team geleitet, das in dem Fall ermittelt hat. Was ist Ihnen von den Ermittlungen besonders in Erinnerung geblieben?
02:28
Für mich persönlich war damals sehr erhellend, dass ich auch neue Ermittlungsmethoden noch kennengelernt hatte. Wir haben damals beispielsweise die Main-Trailer-Hunde Wochen nach der Tat noch eingesetzt, um eine Geruchsspur zu verfolgen. Das haben wir dann auch später in anderen Verfahren, wo wir Täter verfolgt hatten, öfter praktiziert.
02:44
Herr Mertens, Sie haben in der Hochphase der Ermittlungen Herrn Schrade als Führungsassistent unterstützt, waren also sein Stellvertreter. Was war für Sie das Besondere an dem Fall?
02:55
Naja, das Besondere ist, dass wir dafür für die Fallbearbeitung eine BAO gegründet haben, das im Landeskriminalamt auch nicht so oft vorkommt.
03:02
Können Sie erklären, was eine BAO ist?
03:04
Ja, eine besondere Aufbauorganisation ist die Abkürzung dafür. Das wird bei besonderen Lagen eingerichtet, die man im normalen Polizeieintag so nicht bewältigen könnte. Man kann sich das vorstellen wie eine eigenständige Dienststelle für nur einen Fall. Im Klartext kann man das auch Sonderkommission benennen. Für alle Aufgaben, die im Rahmen der Ermittlungen anfallen, kommen aus dem gesamten Landeskriminalamt zuständige Kolleginnen und Kollegen zusammen. So eine WHO trifft einen immer unvorbereitet, macht aber Spaß und ist eigentlich sehr reizvoll.
03:37
Man kann sich voll auf einen Sachverhalt konzentrieren.
03:40
Und Ermittlungen haben auf diese Art und Weise mehr Dynamik und auch mehr Durchschlagskraft.
03:46
Und die brauchten Sie ja in unserem Fall auch. Bevor wir richtig einsteigen, noch ein kurzer Hinweis. Aus rechtlichen Gründen haben wir die Namen aller Beteiligten geändert. Aber beginnen wir damit, was sich im Sommer 2011 genau ereignet hat.
04:04
Musik
04:06
Es ist der 10. Juni 2011, ein Freitagabend. Das lange Pfingstwochenende steht vor der Tür. In der Dresdner Filiale einer Möbelhauskette ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr besonders viel los. Es ist viertel vor acht, bald schließt der Laden. Nur eine Handvoll Kunden ist noch vor Ort. Tatjana Struck und Jens Polder sind auf der Suche nach einer neuen Küche. Das Paar schlendert durch die Abteilung mit den Musterküchen, als die beiden einen Knall hören.
04:33
Er ist so laut, dass ihnen die Ohren klirren. Ein dumpfer Schmerz macht sich breit und alles klingt auf einmal gedämpft, als hätten sie Watte im Ohr.
04:40
Erschrocken sehen sich Tatjana und Jens um. Aus einem Raum neben ihnen dringt Rauch. Feuer sehen die beiden nicht, aber es riecht nach verbranntem Pulver. Fast so wie an Silvester. Als sie auf dem Boden ein verkortes Handy bemerken, ahnen sie, da ist etwas explodiert.
05:01
Herr Mertens, Sie waren damals nicht unmittelbar am Einsatz beteiligt, aber wenn so eine Meldung bei der Polizei eingeht, in lauter Knall, mitten in einem großen Möbelhaus, möglicherweise eine Explosion, geht man da dann gleich wirklich von Sprengstoff und einem Anschlag aus?
05:16
Ja, also man muss das zumindest in Erwägung ziehen, dass es sich also bei der Sprengstoff handeln kann und auch damit auch um einen Anschlag handeln könnte. Bei einem Bereich mit viel Publikum liegt diese Vermutung nahe. Man darf das auch nicht vergessen, dass der 11. September 2001 mit den Anschlägen in den USA immer noch sehr präsent war. Allerdings sprachen Ort und Umfang gegen so eine Variante. Freitagabend war sehr wenig los und die Explosion war eher klein, wie sich später auch herausstellen sollte.
05:46
In der Küchenabteilung herrschte damals große Unruhe, aber im Rest des Möbelhauses hatte niemand etwas mitbekommen. Die Polizei nahm die Meldung dennoch sehr ernst, denn zu diesem Zeitpunkt war unklar, ob eine Gefahr bestand. Was stellten Ihre herbeigerufenen Kolleginnen und Kollegen vor Ort fest?
06:04
Nun zumal gab es zunächst erstmal erkennbar Abplatzungen und Brandspuren an einem Küchenschrank. Außerdem lagen Einzelteile herum, unter anderem ein Kabel und ein Handy.
06:15
Bei genauerer Untersuchung stellte sich heraus, dass es sich um eine sogenannte USB-V handelte, eine sogenannte unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung.
06:23
Ich übersetze das mal für den Laien, also ein selbstgebauter Sprengsatz, oder?
06:28
Genau, es war ein Selbstlaborat aus pyrotechnischen Erzeugnissen.
06:33
Ja, diese USB-V war schon detoniert. Ein Restrisiko bestand trotzdem. Schließlich konnte es durchaus ja weitere Sprengsätze geben. Ich nehme an, das Möbelhaus war sofort geräumt worden, oder?
06:45
Ja, das Möbelhaus war auf Veranlassung des Geschäftsführers komplett gesperrt worden. Kunden und Mitarbeiter mussten das Haus verlassen. Zunächst waren nur zwei Sprengstoffsuchhunde im Einsatz, später drei weitere Hunde. Das hatte sich ein bisschen verzögert, weil es natürlich Freitagabends länger dauerte, mehrere Hunde aus dem Freistaat Sachsen am Ende zusammen zu bekommen. Bis drei Uhr morgens wurde dann das gesamte Möbelhaus abgesucht, aber kein weiterer Sprengsatz gefunden.
07:13
Ich habe es gerade schon erwähnt, dass bei der Detonation des ersten Sprengsatzes zwei Personen in der Nähe waren. Tatjana und Jens, das Paar, das in unmittelbarer Nähe gestanden hatte. Wurden die beiden denn verletzt?
07:25
Nach der Diagnose hatten beide ein Knalltrauma und mussten zumindest ärztlich versorgt werden.
07:31
Ganz kurz zur Erklärung. Bei einem Knalltrauma, da bleibt das Trommelfell intakt, aber im Innenohr, da werden feine Haarzellen geschädigt. Das kann sehr schmerzhaft sein und dazu führen, dass man schlecht erhört oder Störgeräusche wahrnimmt. Ein Tinnitus zum Beispiel. In den meisten Fällen hält es innerhalb von ein paar Tagen von selbst wieder ab. Aber es besteht natürlich das Risiko, dass dauerhafte Schäden bleiben. Herr Schrader, wie war das denn bei unseren beiden Zeugen?
07:54
Ja, genau. Das Besondere in dem Fall war, dass beide Opfer Berufsmusiker an der Semperoper in Dresden waren. Das Knalltrauma führte dazu, dass das Gehör beeinträchtigt wurde. Sie konnten schlecht hören. Das bedeutete für sie auch eine gewisse Arbeitsunfähigkeit. Hörschäden wären in jedem Fall eine schwere Körperverletzung gewesen und damit ein höheres Niveau.
08:13
Ja, und dazu kam natürlich auch der Schock. Immerhin standen die beiden sehr nah am Sprengsatz. Als dieser detonierte, konnten die beiden beobachten, wer ihn dort abgelegt hatte, Herr Mertins?
08:23
Nein, aber sie hatten einen Mann beobachtet, der ganz anders auf die Explosion reagierte als alle anderen. Er ging als einziger sehr zügig vom Explosionsort weg, mit eingezogenem Kopf und ohne sich umzuschauen.
08:36
Er war außerdem auffällig gekleidet, hatte ein Basecap auf dem Kopf, eine große Brille mit lila Gläsern und eine eingerollte Zeitung in der Hand.
08:51
Nicht nur Kunden, sondern auch zwei Mitarbeitern fällt der Mann mit dem Basecap auf, der direkt nach der Detonation die Küchenabteilung verlässt. Und dann spielt sich eine fast schon filmreife Szene ab.
09:03
Einer der beiden Mitarbeiter spricht den Mann beim Weggehen an. Der gibt sich auf Englisch als Tourist aus und eilt weiter in Richtung Ausgang. Die Mitarbeiter setzen zur Verfolgung an. Sie folgen dem Mann aus der Küchenabteilung vorbei an den Kassen bis auf den Parkplatz.
09:18
Ein riskantes Vorhaben. Schließlich könnte der Mann gefährlich werden, sollte es sich bei ihm tatsächlich um den Täter handeln.
09:24
Aber die beiden Mitarbeiter behalten den Mann im Auge. Noch ein paar hundert Meter verfolgen sie ihn bis zu einer Brücke über die Elbe. Dann ist er auf einmal verschwunden, noch bevor die Polizei eintrifft.
09:37
Von dem Verdächtigen fehlt damals jede Spur. Im Gegensatz zu den Sprengstoffspürhunden war ein Pferdenhund aber am Freitagabend nicht verfügbar. Die Suche nach dem Verdächtigen verlief also ohne Erfolg. Am nächsten Tag haben Sie, Herr Schrader, beim LKA dann die Ermittlung übernommen. Sie haben zu diesem Zeitpunkt das Dezernat für Sonderfälle geleitet. Wie kam der Fall zu Ihnen?
10:00
Wir hatten im LKA eine landesweite Zuständigkeit für Sprengstoffanschläge, waren damit originär zuständig. Samstagmorgen beim Frühstück rief mein Abteilungsleiter an und informierte mich, dass wir den Fall übernehmen sollten und ab Mittag war unser ganzes Dezernat anwesend gewesen. So komplexe Ermittlungen hätten wir als einzelnes Dezernat in unserer Größenordnung personell gar nicht stemmen können. Deswegen hatten wir die BAO gegründet, diese besondere Aufbauorganisation. Wir bestanden etwa aus 20 Ermittlern.
10:31
Dazu kamen noch sogenannte Serviceeinheiten des LKA, wie beispielsweise die Tatortgruppe und unterstützende Kräfte der sächsischen Polizei.
10:38
Also ein relativ großes Team.
10:41
Und das war auch gut so, denn noch am Samstagvormittag, also kurz bevor Sie die Ermittlungen übernommen haben, stellte sich heraus, dass der Anschlag in Dresden nicht der erste war, nicht? Richtig.
10:51
Vom BKA kam der Hinweis, dass es kurz zuvor ähnliche Vorfälle gegeben hatte. Sprengsätze waren in anderen Filialen des Möbelhauses in Belgien, Frankreich und in den Niederladen zur Detonation gebracht worden. Also alle am 30. Mai, zehn Tage vorher. Wir kannten zu dem Zeitpunkt noch keine Details, mussten aber davon ausgehen, dass der Anschlag in Dresden zu dieser Serie passte.
11:11
Herr Mertens, von welchem Motiv sind Sie denn zu diesem Zeitpunkt ausgegangen?
11:16
Zunächst gab es keine Indikatoren dafür, dass es sich um politisch motivierte Kriminalität bzw. Terror handeln könnte.
11:24
Die Alternative in dem Fall war natürlich eine Erpressung, weil alle Anschläge gegen Filialen derselben Möbelhauskette gerichtet gewesen sind. Es gab aber in keinem Fall Bekennerschreiben oder Geldforderungen, also nichts, das Rückschlüsse darauf erlaubt hätte, was man mit den Explosionen eigentlich erreichen wollte.
11:42
Was bedeutete das dann für Ihre Ermittlungen?
11:44
Naja, das erhöhte den Druck, weil so klar war, dass es natürlich auch jederzeit weitergehen konnte. Wir wussten nur nicht, wo.
11:52
Ob nochmal in Deutschland, den Benelux-Ländern oder irgendwo sonst in Europa. Wir konnten uns also nicht nur auf die Ermittlungen konzentrieren, sondern mussten uns auch um Gefahrenabwehr kümmern. Das heißt, wir mussten mit Unternehmen sprechen, dass diese Serie weitergehen könnte und wie wir das weitere Vorgehen auch im Ende abstimmen.
12:10
Das Unternehmen hat hunderte Filialen in Europa. In jeder könnte es theoretisch zu einem weiteren Anschlag kommen. Eine sehr herausfordernde Situation für alle Beteiligten.
12:20
Wie man sich als Unternehmen in einer Krise am besten verhält, darüber hat unsere Redaktion im Vorfeld mit Jörg Trauboth gesprochen. Er war Generalstabsoffizier der Luftwaffe, kennt sich also bestens damit aus, worauf es in bedrohlichen Situationen ankommt.
12:36
Nach seinem Dienst hat er als Krisenmanager Unternehmen beraten und ist heute vor allem als Autor tätig. Er hat uns erklärt, wie es Unternehmen gelingt, eine akute Bedrohung zu meistern.
12:48
Dafür braucht es einen Krisenmanagementplan mit dokumentierten Abläufen für verschiedene Szenarien, also zum Beispiel Erpressung, Bombendrohung, Evakuierung oder Cyberangriffe. Dann braucht es einen definierten Krisenstab, Der benennt Teams mit ganz klar definierten Rollen und Entscheidungsbefugnissen.
13:10
Jörg Traubot empfiehlt möglichst konkrete Checklisten mit Kontakten, die sofort verständigt werden müssen bis hin zum genauen Text einer Durchsage, wenn es zum Beispiel eine Bombendrohung gibt. Solche Strukturen müssen aber regelmäßig getestet werden, damit sie im Ernstfall auch funktionieren.
13:25
Das kann ein zwei Stunden Training sein, bei dem einfach nur gecheckt wird, ob das Unternehmen in der Lage ist, aus dem Stand heraus effektiv zu reagieren.
13:37
Und solche Übungen können bis ein, zwei Tage dauern. In diesen Übungen wird ein kompletter Fall durchgespielt und da hat jeder seine Rolle. Und dann sieht man, dass selbst bei künstlichen Szenarien, die aber sehr nah an der Realität sind, Menschen sehr oft unter Stress geraten und Fehler machen. Diese Fehler werden dann bearbeitet und im zweiten Durchgang auch abgestellt, damit die betroffenen Mitarbeiter, Vertrauen zu sich selber gewinnen und eben nicht unter Druck geraten.
14:07
Außerdem könnten sich Unternehmen gegen Krisen versichern lassen, zum Beispiel um Umsatzausfälle abzufedern, aber auch um anderweitigen finanziellen Schäden vorzubeugen.
14:16
Und schließlich gibt es, darüber sprechen wir Spezialberater nicht ganz so gerne, eine Krisen- und Entführungsversicherung K&A. Hier übernimmt die Versicherung die Kosten für die Krisenberatung, für Verhandlungen, gegebenenfalls für Lösegeldzahlungen und auch für das Reputationsmanagement.
14:36
Solche Versicherungen sind Traubot zufolge sehr teuer, vor allem für große Unternehmen. Es gäbe aber eine Sache, die noch viel wichtiger dafür sei, ob ein Unternehmen gut durch so eine Krise kommt.
14:48
Über die Kommunikation läuft am Ende alles. Dabei geht es nicht so sehr um die interne Kommunikation, sondern wie stellt sich ein Unternehmen vor, in der Öffentlichkeit da, in der natürlich immer Gefahr besteht, dass aufgebautes und sehr teuer erkauftes Vertrauen innerhalb von Minuten oder Stunden kaputt geht.
15:11
Die Möbelhauskette postiert damals nach den ersten Anschlägen in den Benelux-Ländern mehr Wachleute, vor allem in den europäischen Filialen. Außerdem sind dann weitere Maßnahmen ergriffen worden, die man nicht sehe, wie es damals der Öffentlichkeit gegenüber heißt. Am Tag nach der Tat in Dresden ruft die Deutschlandzentrale dann noch einmal zu erhöhter Wachsamkeit auf.
15:31
Währenddessen laufen beim LKA die Ermittlungen so richtig an. Herr Mertins, lassen Sie uns zunächst über die Spuren am Tatort sprechen. Was konnte dort gesichert werden?
15:41
Ja, also leider keine daktiloskobischen Spuren, also keine Fingerabdrücke und auch keine DNA-Spur an der USB-V, die auf den Täter hingedeutet hätte. Aber natürlich hatten wir Überbleibsel der USB-V, die dann ins Labor zur Untersuchung gegangen sind.
15:57
Die ersten Untersuchungen am Tatort hatten ja ergeben, dass es sich um einen selbst gebastelten Sprengsatz handelte. Herr Schrader, was hat die kriminaltechnische Untersuchung ergeben?
16:06
Es hat sich bestätigt, dass es sich nicht um einen gewerblichen Sprengstoff handelte, sondern um einen Gemisch, das auf illegal beschaffene Feuerwerkskörper beruhte, die hierzulande überwiegend verboten sind. Die USB-V bestand aus einem Aluminiumrohr mit eingebautem Sprengstoff, das durch Klebeband mit Batterien und einem Tastenhandy verbunden war.
16:26
Das Tastenhandy war nach der Sprengung erstaunlicherweise in einem relativ guten Zustand. Die These unter Kriminaltechniker lautete, dass die USB-V durch den Vibrationsalarm bei einem Anruf gezündet werden sollte. Vermutlich hatte der Täter die USB-V in der Anspannung zu hektisch geworfen und dabei mechanisch den sensiblen Zündmechanismus ausgelöst.
16:46
Ja, das war also nah dran an dem, was man als Rohbombe allgemein kennt. Also sprich eine Metallhülse mit Sprengstoff darin und verschraubten Enden.
16:55
Die sind sehr gefährlich durch die Metallsplitter, die bei der Explosion dann entstehen. In dem Fall hatte die Sprengladung nicht das Potenzial, Menschen zu töten, aber die USBV war durchaus mit krimineller und natürlich auch schädigender Absicht gefertigt und eingesetzt worden.
17:11
Weil Teile davon bei der Explosion ja etwas hätten treffen können, das leicht splittert, eine Vase oder ein Spiegel und dann wird es für weiter entfernt stehende Personen auch gefährlich, oder?
17:22
Wäre mehr Sprengstoff drin gewesen, hätte der Täter sich wohl selbst verletzt und hätte gar nicht mehr flüchten können. So bekam er auch vermutlich nur einen Schreck und wollte sich dann selbst schnell in Sicherheit bringen.
17:33
So überstürzt, dass er gleich mehreren Menschen auffiel. Herr Schrader, welche Erkenntnisse brachte Ihnen die weitere Befragung der Zeugen?
17:40
Leider gab es keine konkreten Aussagen, die zur Identität des Tatverdächtigen geführt hätten. Anhand der Beschreibung war am Freitag noch am Abend ein Phantom mit erstellt worden. Damit hatten wir dann am Samstag eine bundesweite Fahndung gestartet.
17:54
Es gab aber doch sicher Aufnahmen von Überwachungskameras, oder? Was haben Sie da gefunden?
17:58
Leider gab es keine Videoüberwachung im Verkaufsbereich, wo es die Explosion gegeben hatte, sondern es gab nur eine Überwachung bei den Kassen und im Eingangsbereich. Dort wurde eine Person aufgezeichnet, die um 19.34 Uhr über die Treppe im Foyer nach oben in den Verkaufsbereich ging. Sie trug ein Basecap, ein hellblau gestreiftes Hemd und hatte eine Zeitung in der Hand. Es deckte sich also mit der Beschreibung der Zeugen. Um 19.56 Uhr, also zwölf Minuten später, verließ die Person das Möbelhaus durch den Kassenbereich.
18:31
Das passte zum Zeitfenster mit der Explosion. Sie trug ein Basecap und eine Brille und beides verdeckte allerdings das Gesicht.
18:39
Eine möglicherweise wichtige Erkenntnis lieferte dann das Videomaterial dennoch. Was war darauf zu sehen?
18:46
Auf der Aufnahme vom Eingangsbereich war noch eine zweite Person zu sehen, die kurz hinter dem Vertächtigen die Treppe hochging. Die Person hätte aber auch ein anderer Kunde sein können. Schließlich wurde nur eine Person beim Verlassen der Küchenabteilung beobachtet und eine Person wurde beim Durchqueren des Kassenbereiches aufgezeichnet. Wir wollten uns nicht auf zwei Täter festlegen, aber die Möglichkeit bestand dennoch. Wir gingen deshalb immer von potenziell mehreren Tätern aus.
19:19
Möglicherweise stecken also zwei Personen hinter der Sprengstoff-Explosion in Dresden. Deren Zweck ist zu diesem Zeitpunkt aber weiterhin unklar. Es gibt in den ersten Tagen nach dem Anschlag zwar schon mehrere Schreiben, in denen zwei mutmaßliche Erpresser Geld fordern.
19:35
Die stellen sich bei mehrwöchiger Prüfung aber alle als Trittbrettfahrer heraus, die unabhängig voneinander handelten und später wegen schwerer räuberischer Erpressung verurteilt werden konnten.
19:47
Für die Ermittlerinnen und Ermittler bleibt die Lage aber nach wie vor gefährlich. Denn solange nicht das Motiv des oder der wirklichen Täter bekannt ist, muss die Polizei davon ausgehen, dass jederzeit wieder ein Sprengsatz in die Luft gehen könnte. Sie ermittelt also mit Dringlichkeit und zwar nicht nur in Dresden.
20:04
Obwohl die Explosionskraft des Sprengsatzes eher gering war, ist schon in der Frühphase der Ermittlungen Europol beteiligt, die Polizeibehörde der Europäischen Union. Auch dort ist man nämlich darauf aufmerksam geworden, dass sich die Sprengstofffunde bei der Möbelhauskette in Belgien, Frankreich und den Niederlanden und nun in Dresden sehr ähneln.
20:25
Europol kann bei solchen internationalen Fällen die Steuerung von Informationen übernehmen und den Mitgliedsländern bei der Auswertung helfen. So läuft das auch damals in diesem Fall. Wenn es bei einem Ermittlerteam neue Daten oder Erkenntnisse gibt, gelangen die nun über Europol auch an die anderen betroffenen Länder. Die Dresdner Polizei leitet damals zunächst das Phantombild, die Beschreibung des Tatverdächtigen und die Videoaufnahmen an ihre europäischen Kolleginnen und Kollegen weiter.
20:53
Aus Belgien, Frankreich und den Niederlanden kommen ebenfalls erste Informationen. Auch in den Filialen dort wurden selbstgebaute Sprengsätze deponiert, verletzt wurde dabei niemand. Erpresserschreiben gab es bislang nirgendwo, aber Videoaufnahmen eines Tatverdächtigen. Er trägt kein Basecap, sondern eine Perücke. Aber sein Hemd sieht genauso aus wie das des Verdächtigen aus Dresden.
21:19
Wer die Person ist, dazu haben die Ermittler keine weiteren Anhaltspunkte. Deswegen bittet die deutsche Polizei schon sehr früh die Bevölkerung um Mithilfe. Bereits am Mittwoch nach dem Anschlag wird der Fall bei Aktenzeichen XY ungelöst im Fernsehen vorgestellt. Wir hören mal rein.
21:42
Unser nächster Fall, liebe Zuschauer, ist eine hochaktuelle Geschichte. Es geht um die Explosion in Dresden am letzten Freitag. Sie haben sicher schon davon gehört. Als die Bombe explodierte, sind eine 32-jährige Frau und ihr 41-jähriger Begleiter in unmittelbarer Nähe. Gott sei Dank werden sie nur leicht verletzt. Die Frage ist jetzt natürlich, wer ist der Täter und warum versteckte er die Bombe im Möbelhaus?
22:13
Herr Schrader, welche Hinweise haben Sie denn nach unserer Sendung bekommen?
22:17
Es haben sich noch mehr Zeugen bei uns gemeldet, die beobachtet hatten, wie der Tatverdächtige das Gebäude verlassen hat. Aber nichts führte zur Feststellung einer Person. Außerdem wurde uns berichtet, dass in einem Ausstellungsbett ein Klappmesser gefunden wurde. Das hat allerdings mit unserem Fall nichts zu tun.
22:34
Was man sich bei so einer Situation vor Augen führen muss, hier passiert in kurzer Zeit sehr viel gleichzeitig. Sie waren damals nicht nur auf der Suche nach dem Verdächtigen, sondern arbeiteten parallel daran, den genauen Tathergang zu rekonstruieren. Und dabei konnten Sie jetzt zwei Dinge nutzen, die Ihre Kolleginnen und Kollegen am Tatort gesichert hatten.
22:55
Genau, unsere Hauptspur war das Handy, das für die USBV verwendet wurde. Darin war die SIM-Karte eines polnischen Providers. Leider war es eine Prepaid-Karte, für die man beim Kauf seine Personalien nicht angeben musste. Wir konnten also über die SIM-Karte die Identität des Täters nicht feststellen. Die Hoffnung war aber, dass auf dem Telefon noch Daten gespeichert waren und wir über den Provider der SIM-Karte diese Daten...
23:21
Über den Provider lässt sich unter anderem herausfinden, wo sich ein Handy mit dem Netz verbindet, bei Anrufen oder über mobile Daten. Welche Informationen haben Sie jetzt dazu bekommen?
23:31
Wir haben herausgefunden, dass die erste Verbindung am Tag der Tat in einer Funkzelle in Legnica in Polen erfolgt war, gut 100 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Anhand der weiteren Verbindungen konnten wir nachvollziehen, dass sich das Handy mit den Tätern an dem Tag entlang der E4 von Polen in Richtung Deutschland bewegte. Wir wussten also mit Sicherheit, dass das Telefon, mit dem die USB-V später gezündet wurde, an dem Tattag aus Polen gekommen war.
24:01
In Verbindung mit der polnischen SIM-Karte legte das den Schluss nahe, dass der oder die Täter aus Polen eingereist waren. Und dann gab es darüber hinaus noch mehr Hinweise, die nach Polen führten. Welche waren das? Wir konnten aus dem Handy weitere Daten entnehmen. Einige Stunden vor der Tat gab es 25 Anwählversuche auf dieses Handy, alle von einer Telefonzelle in Legnica. Es war vermutlich ein Test, ob der komplexe Zündmechanismus funktionierte.
24:28
Auf dem Handy konnten wir außerdem noch zwei gelöschte Nummern aus dem Telefonbuchspeicher wiederherstellen. Eine war unter dem Namen Mama gespeichert und das war für mich eigentlich eine sichere Identifizierungsmöglichkeit. Und auch diese Telefonnummer, die zu der Mama gespeichert wurde, hatte eine Vorwahl von Legnitzer.
24:47
Außerdem wurden am Tattag drei Anrufe von Festnetznummern aus Warschau getätigt.
24:52
Also vorsichtig ausgedrückt, das klingt jetzt erstmal vielversprechend. Wie sind Sie weiter vorgegangen, was ist dann passiert?
24:58
Das war für uns und unseren Ermittlungen sehr wichtig, weil jeder Kontakt in dem Telefon eine neue Spur für uns bedeutete. Möglicherweise Kontakte zu Mittätern oder zu anderen Personen, über die man an die Täter herankommen konnte.
25:12
Wir konnten zwar die Anschlussinhaber feststellen, kam aber an diese Person erstmal nicht heran.
25:17
Was war da das Problem?
25:18
Auskünfte zu personenbezogenen Daten, beispielsweise wie Telefonnummern, können auf polizeiliche Anfrage hin zwar von den anderen Ländern mitgeteilt werden, aber um die Personalien rechtskonform, also rechtssicher in ein Ermittlungsverfahren zu übernehmen, brauchen wir ein sogenanntes justizielles Rechtshilfeersuchen. Ab dem 13. Juni, also drei Tage nach der Explosion, bekamen wir ohne diese Rechtshilfeersuchen von polnischer Seite keine Informationen mehr.
25:47
Dass die Justiz Maßnahmen ausländischer Behörden erst einmal prüft, ist an sich eine gute Sache. Immerhin greift zum Beispiel eine Vernehmung in die Grundrechte ein.
25:57
Das erschwert die Ermittlungen natürlich mitunter oder verzögert sie.
26:00
Ja, das ist richtig. Wir hatten über die Staatsanwaltschaft Dresden im Verlauf der Ermittlungen drei Rechtshilfeersuchen nach Polen gestellt, unter anderem um die drei Anrufkontakte, also die Anschlussinhaber in Polen, vernehmen zu können. Aber unser Fall hatte bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in Warschau keine hohe Priorität gehabt.
26:20
Man hat uns berichtet seitens der polnischen Polizei, dass der Verfahrensfühne Staatsanwalt gewechselt hatte und dass die Vertretung mehrere Wochen im Urlaub war. Dadurch entstand ein Verzug. Wir konnten schließlich die Zeugen zwei Monate später in Warschau befragen, in Begleitung der polnischen Polizei. Aber die konnten sich nicht mehr erinnern. Außerdem waren die Telefonate auch nur für wenige Sekunden geführt worden.
26:42
Diese Befragungen, die fanden im August statt. Sie haben es gerade gesagt, also ungefähr zwei Monate nach dem Anschlag in Dresden. In der Zwischenzeit waren sie natürlich nicht untätig. Wir gehen also nochmal zurück in die Zeit direkt nach dem Anschlag. Sie standen damals nämlich nicht nur in Kontakt mit den polnischen Kolleginnen und Kollegen, sondern ja wie bereits erwähnt auch mit Europol.
27:02
Ende Juni gab es ein Treffen in Den Haag, bei dem Europol erstmals Ermittlerinnen und Ermittler aller betroffenen Länder zusammenbrachte. Unter anderem waren Sie mit dabei, Herr Schrader. Welchem Zweck diente das?
27:13
Wenn man sich persönlich kennt als Ermittler in einem europaweiten Komplex, dann entsteht ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl. Das motiviert und der Informationsaustausch ist anschließend intensiver.
27:25
Das ist sozusagen der kleine Dienstweg, wie man im Polizeijargon sagt. Ziel war es auch gewesen, alle Ermittler an einen Tisch zu bringen, damit man sich mal sieht und nicht nur miteinander telefoniert und um die Spuren zu vergleichen.
27:40
Und was haben Sie dabei festgestellt, als Sie alle an einem Tisch saßen?
27:43
Es gab viele Überschneidungen. Beispielsweise die USBV in Belgien, Frankreich und den Niederlanden waren zwar etwas anders aufgebaut als unsere. In den drei Ländern waren die Sprengstoffe in Milchkartons verpackt und als Zündmechanismus wurde ein Wecker verwendet. Es gab aber Gemeinsamkeiten, durch die feststand, dass die Taten wirklich alle zusammengehörten.
28:06
Die Kfz-Glühbirne, die in Dresden als Zünder verwendet wurde, hatte dieselbe Seriennummer wie die, die in den Niederlanden verwendet wurde. Das Klebeband, mit dem die USBV aus Dresden umwickelt war, hatte dieselbe Einprägung wie die auf der USBV in den Niederlanden. Außerdem deutet die Art und die Beschaffenheit der Bausätze eindeutig nach Polen hin. Überall wurden Teile aus polnischer Herstellung verwendet.
28:31
Waren denn auch polnische Ermittlerinnen und Ermittler bei dem Treffen dabei?
28:35
Ja, aber nicht die Kollegen, mit denen wir bereits zu tun gehabt hatten. Es gab zu diesem Zeitpunkt keine polnische Dienststelle, die sich verantwortlich gefühlt hatte, für uns die Ermittlungen in Polen durchzuführen. Deswegen kam ein Kollege vom Verbindungsbüro von Europol dazu, der zeigte aber nicht viel Interesse zu dem Fall.
28:55
Und war auch nicht besonders informiert gewesen.
28:58
Die Tat in Dresden lag da schon fast drei Wochen zurück. Trotzdem haben sie damals noch einmal am Tatort nach Spuren gesucht. Sobald ein Tatort wieder freigegeben ist, ist das in der Regel aussichtslos. Noch dazu an einem so belebten Ort wie einem Möbelhaus.
29:13
Sie haben es aber nochmal versucht und zwar mit Hunden. Herr Schrader, was war da die Hoffnung?
29:18
Wir hatten sogenannte Main-Trailer im Einsatz. Das sind speziell ausgebindete Hunde, deren Nasen so fein sind, dass sie der Geruchsspur eines Menschen noch Wochen später folgen können. Sogar wenn jemand im Auto wegfährt.
29:31
Man hat mir erklärt, dass über die Zwangsbelüftung die DNA und sonstige Hautteile von Menschen rausgeführt werden und sich auf den Boden der Straße ablagern. Diese Spur können die Hunde dann Tage und Wochen später noch verfolgen. Ich habe diese Main-Trailer-Hunde damals sogenannte Wunderhunde genannt. Das erinnerte mich so ein bisschen an einen Hollywood-Film.
29:51
Und man muss ja auch dazu sagen, die Studienlage, die ist dünn und bis heute ist nicht wissenschaftlich belegt. Ob das wirklich funktioniert, oder Herr Mertens?
29:59
Naja, es gab also durchaus kritische Bemerkungen in den eigenen Reihen.
30:04
Also es war Vorsicht auch angebracht, weil natürlich auch die Betreuer der Hunde mitbekommen haben konnten, dass wir Richtung Polen ermitteln konnten.
30:13
Wir wollten allerdings eine Beeinflussung der Suchergebnisse natürlich auch vermeiden. Es hatte durchaus in der Vergangenheit schon Einsätze gegeben, wo diese Mantrailer-Hunde zu neuen Erkenntnissen geführt hatten. Es war am Ende also einen Versuch wert. Die Polizei Sachsen, also unsere Diensthunde Schule, hatte damals allerdings keine eigenen Mantrailer. Diese mussten erst von einem privaten Dienstleister in Nordrhein-Westfalen angefordert werden. Auch deswegen war der Einsatz erst zu spät. Also am Ende war es 18 Tage später.
30:41
Wie verlief dieser Einsatz dann?
30:43
Also die Hunde, denen wurde eine Geruchsprobe vorgehalten, die wir vom Handy und von den Teilen des Sprengsatzes genommen hatten. Und mit dieser Geruchsprobe und Witterung folgten sie dem Weg, den der Verdächtige gelaufen ist, der auch sich deckte mit dem Weg, den die Mitarbeiter von dem Möbelhaus ja bereits uns mitgeteilt hatten, bis dahin, wo sie den Tatverdächtigen nicht mehr gesehen haben. Von dort aus ging es dann weiter, ein ganzes Stück durch die Stadt Richtung Hauptbahnhof und dann wieder zurück durch die Stadt in Richtung Autobahn, die dann am Ende auch Richtung Polen führt.
31:21
Dort war dann erstmal Schluss am ersten Tag und es ging dann am nächsten Tag weiter, die Polnische Polizei wurde gefragt, ob das möglich ist, auch in Polen mit den Hunden entlang der Autobahn die Suche fortzusetzen. Dem wurde zugestimmt und am Ende wurde dann der Hund jeweils an den Autobahnabfahrten wieder rausgelassen. Dort hat er seine Witterung aufgenommen und wenn da nichts war, wieder rein ins Auto und dann ging es weiter. So ging das Stück für Stück entlang der Strecke ins Polnische hinein. An der Ausfahrt in Legnica war dann sozusagen Stopp mit der Absuche.
31:55
Dort haben die Hunde deutlich angeschlagen.
31:57
Und damit endete dort erstmal diese Suche und führte dann uns direkt in die Stadt Lecknitzau.
32:02
Also bei der Ausfahrt zu der Stadt, von wo aus sich das Handy am Tattag fortbewegt hatte.
32:08
Ja, also der Hund lief dort zu der Telefonzelle, von wo aus auch die Testanrufe auf das Handy gemacht worden sind. Diese Telefonzelle war uns jedoch schon bekannt, aber immerhin, der Hund ist auch dorthin gegangen. Die Geruchsspuren in der Ortschaft waren dann so zahlreich, dass sie also dort im Ort nicht weiter verfolgbar waren. Die Erkenntnis aus der ganzen Einsatzmaßnahme lautete eigentlich, also es hätte im Grunde ausgereicht, wenn wir die Mantrailer nur in der Ortschaft Legnitzer eingesetzt hätten. Die Absuche entlang der Autobahn hat in dem Falle jetzt keine wesentlichen neuen Erkenntnisse ergeben.
32:42
Wir hatten aber die schwache Hoffnung, dass der Hund zu irgendeiner Haustür in Legnitzer laufen würde und sich dort hinlegen würde. Aber das tat er leider nicht.
32:51
Es wäre auch für uns nur ein Indiz gewesen, also kein Tatsachenbeweis. Denn Main-Trailer sind bei Gericht nicht als Beweismittel zugelassen. Für uns wäre wichtiger gewesen, wenn wir Videoaufnahmen von der Telefonzelle gehabt hätten, wo die Täter drauf zu sehen gewesen waren. Die bekamen wir aber leider nicht durch die Polizei aus Polen übermittelt. Musik
33:15
Ohne die Hilfe der polnischen Behörden enden die Ermittlungen also vorerst wieder an der Grenze des deutschen Rechtsbereichs. Und noch etwas erschwert die Arbeit der Dresdner Polizei. Denn noch immer fehlt ein zentrales Puzzleteil. Das Motiv. Am wahrscheinlichsten erscheint damals eine Erpressung. Mehrfach gehen Schreiben mit einer Drohung oder Geldforderung ein. Jedes prüft die Polizei genau. Aber immer wieder stellt sich heraus, hier waren Trittbrettfahrer am Werk. Der oder die Täter halten sich weiter bedeckt.
33:44
Die Situation bleibt also angespannt. Immer wieder berichtet die Presse in dieser Zeit, dass Filialen des Möbelhauses evakuiert werden, weil verdächtige Gegenstände gefunden werden. Verlorene Handys zum Beispiel. Zur Erleichterung aller stellt sich jeder dieser Einsätze als Fehlalarm heraus.
34:02
Bis zum 2. September 2011, also rund drei Monate nach dem Anschlag. Da nehmen die Ermittlungen mit einem Mal an Fahrt auf. Vor der Prager Filiale der Möbelhauskette finden Reinigungskräfte vormittags zwei Bierdosen einer polnischen Brauerei, verbunden mit einem Wecker. Die tschechische Polizei weist dank Europol von der Anschlagsserie gegen das Unternehmen. Sofort kommt der Verdacht auf, der Fund könnte mit den anderen Sprengstoffanschlägen zusammenhängen.
34:29
Die Experten der Polizei können die Vorrichtung kontrolliert sprengen. Zum Glück. Denn dieses Mal, so heißt es später im Gutachten, hätte die Detonation im näheren Umkreis schwere Schäden und Verletzungen verursachen können.
34:43
Und noch etwas ist diesmal anders. Um kurz vor 5 Uhr abends geht in der Zentrale des Unternehmens ein Anruf ein, mit dem vor dem Sprengsatz gewarnt wird, der gleich in der Prager Filiale explodieren soll. Der ist zu diesem Zeitpunkt zum Glück längst entschärft. Doch den geplanten Explosionszeitpunkt können nur die Täter kennen.
35:01
Hinzu kommt, der Anruf wird von einer polnischen Telefonzelle ausgetätigt, ungefähr 20 Kilometer von Legnica entfernt. Und noch am selben Abend geht beim Unternehmen eine Erpresser-Mail ein, gesendet von einer polnischen IP-Adresse. Gefordert werden 6 Millionen Euro zu zahlen auf ein Konto bei einem polnischen Bankinstitut.
35:22
Für den Geldtransfer wird eine polnische Telefonnummer übermittelt. Wieder deuten also alle Hinweise nach Polen. Und diesmal wird die polnische Polizei aktiv.
35:36
Bevor wir darüber sprechen, wie es mit den Ermittlungen weitergeht, hören wir noch einmal Jörg Trauboth. Er hat uns erzählt, ob Unternehmen Geldforderungen im Erpressungsfall nachkommen sollten.
35:46
Also ich hatte einen Fall, da sagte das Unternehmen, okay, dann haben wir die Sache vom Tisch, dann zahlen wir eben die zwei Millionen US-Dollar. Und ich musste wirklich sehr mühsam klar machen, in dem Augenblick, wo wir die Zusage geben, haben wir am nächsten Tag eine Forderung von 4 Millionen US-Dollar und wir haben die Lösung nicht erreicht. Das heißt, in dem Augenblick, wo verhandelt wird, kapiert die andere Seite sofort, ob das Unternehmen professionell agiert oder nicht.
36:15
Also Antwort Nein auf eine Lösegeldforderung zunächst erstmal nicht eingehen und wenn man dann darauf eingeht, dann nur in Absprache mit der Polizei.
36:27
Nur dann habe man die Chance, Täter im Rahmen der Geldübergabe zu schnappen, auch wenn es in Zeiten von Kryptowährung zunehmend schwieriger werde. Seit Traubot in den 90er Jahren erstmals erpresste Unternehmen beraten hat, habe sich einiges verändert.
36:40
Die Produkterpressungen waren vor 10, 20, 30 Jahren vielfältiger als heute. Wir hatten vor 20 Jahren etwa 200 Fälle pro Jahr. Jetzt haben wir geschätzt 50, 60 oder 70 pro Jahr. Wir leben heute in einer Zeit der Cyberangriffe und das ist wirklich absolut das Schlimmste. Nur eine Zahl, die Cyberangriffe verursachen jedes Jahr einen Schaden allein in Deutschland von über 200 Milliarden.
37:11
Trotzdem sind diese Zahlen mit Vorbehalt zu genießen, weil die Dunkelziffer extrem hoch ist.
37:18
Wir haben Jörg Trauboth auch gefragt, woran es liegt, dass Cyber-Erpressungen den Behörden oft nicht gemeldet werden.
37:25
Man darf nicht vergessen, ein Unternehmen muss bei einem Angriff auf die Daten sehr schnell reagieren. Bei kritischen Infrastrukturen, die angegriffen werden, also z.B. bei Krankenhäusern oder Banken, Behörden, Dann zählen oft Stunden. Und tatsächlich, so denke ich, haben etliche Unternehmen bereits ein Kontingent an Kryptowährung im Hause, um dann einfach sofort zu zahlen, weil sie glauben, es ist besser 10, 20, 30, 50.000 oder 100.000 Euro zahlen.
38:02
erstmal zu zahlen, bevor mir die gesamte digitale Infrastruktur zusammenbricht. Eine unglaublich schwierige Aufgabe für Unternehmen, wobei ich auch klar sagen muss, es wird geraten, immer einen solchen Fall der Polizei zu melden, den Behörden zu melden.
38:22
Zurück zu unserem Fall. Auch der Möbelkonzern verhandelt damals mit den Tätern, während die polnische Polizei jetzt die Federführung bei den Ermittlungen übernimmt und alles daran setzt, die Erpresser zu ergreifen.
38:33
Tatsächlich gibt es Überwachungsaufnahmen der Telefonzelle, von der aus der Warnanruf an die Möbelhauskette ging. Sie zeigen zum Anrufzeitpunkt zwei Männer, den Kleinbus, mit dem sie unterwegs sind und Teile von dessen Kennzeichen.
38:48
Jetzt sind sich die Ermittler endlich sicher. Hier ist nicht nur ein Täter am Werk.
38:53
Wochenlang überprüfen nun mehr als 170 polnische Polizistinnen und Polizisten Fahrzeuge und werten Blitzerfotos aus, um den Kleinbus samt Halter zu finden.
39:03
Mit Erfolg. Als die polnischen Ermittler den Bus ausfindig machen, versehen sie ihn mit einem Peilsender und verfolgen nun minutiös jeden Weg der beiden Verdächtigen. So finden sie auch ein Handy, das in einem Erddepot versteckt ist. Es hat die Nummer, die in der Erpresser-Mail genannt wurde, um den Geldtransfer zu arrangieren.
39:22
Das alles deutet sehr darauf hin, dass es sich bei den Männern um die mutmaßlichen Täter handelt. Aber als Beweis reicht das noch nicht aus. Dafür müssen die beiden auf frischer Tat ertappt werden. Zum Beispiel, während sie von diesem Handy aus mit der Möbelhauskette telefonieren.
39:39
Die Polizei muss also abwarten, bis wieder ein Anruf von der Nummer der Erpresse eingeht, um dann zu prüfen, ob die beiden Männer zur selben Zeit mit dem im Erddepot vergrabenen Handy telefonieren.
39:51
Als der Möbelkonzern am 5. Oktober 2011 erneut einen Anruf von dieser Nummer bekommt und die beiden Männer zeitgleich mit dem Handy aus dem Erddepot telefonieren, greift die polnische Polizei zu. Zehn Minuten nach dem Ende des Telefonats werden die beiden überraschten Männer festgenommen.
40:09
Wir haben es eben gehört. Alle Ermittlungen wurden an die polnischen Behörden abgegeben. Es gab nach dem verhinderten Anschlag in Prag zwar noch zwei Europol-Treffen. Mit der Festnahme und der Befragung der beiden Tatverdächtigen hatten sie beide dann aber nichts mehr zu tun.
40:25
Herr Schrader, wie war das jetzt für Sie, so intensiv nach den Tätern zu suchen und dann das Ruder aus der Hand zu geben?
40:30
Es war für uns nur ein Teilerfolg. Natürlich möchte man als Ermittler am Ende die Täter selber festnehmen. Aber das Wichtigste war, dass die Tat aufgeklärt und die Täter aus dem Verkehr gezogen wurden. Ob das nun in Deutschland oder in Polen war, das war mir dann auch egal. Die Täter waren außerdem vollgeständig und bestätigten auch das von uns vermutete Tathandeln und ihr Motiv.
40:52
Der Prozess fand schließlich in Polen statt. Am 10. August 2012 werden Marek T. und Piotr D. in Polen zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und neun Monaten und von drei Jahren und sechs Monaten verurteilt.
41:07
Erstaunlich wenig dafür, dass die beiden in fünf Möbelhäusern Sprengsätze gelegt und dabei auch Verletzungen unter Umständen sogar Menschenleben riskiert haben. Oder wie sehen Sie das, Herr Schrader?
41:18
Wir waren damals alle etwas sehr verwundert, insbesondere deswegen, weil in Prag sehr viel Sprengstoff eingesetzt wurde. Und über das milde Urteil waren wir auch enttäuscht.
41:27
Ja, naja, eine sehr hohe Forderung von 6 Millionen Euro und Erpressung mit Sprengstoff, das wäre sicherlich in Deutschland höher verurteilt worden. Wir kennen aber auch nicht alle Fakten, die bei der Verhandlung in Polen berücksichtigt worden sind.
41:41
Auch über die Vorgeschichte der beiden Täter haben Sie ja bei diesem Europol-Treffen nur einzelne Details erfahren. Ein Faktor für das Urteil war aber vermutlich das Motiv der beiden, oder Herr Schrader?
41:52
Ja, beide waren Gelegenheitsverbrecher, die dringend Geld brauchten. Einer war Ingenieur mit akademischer Ausbildung. Er hatte als Manager in mehreren großen Firmen gearbeitet, hatte aber viele Schulden gehabt. Er beherrschte mehrere Sprachen, was bei der Durchführung der Taten geholfen hatte. Sein Handlanger war drogenabhängig und polizeilich bekannt wegen Drogenhangels. Auch er brauchte sehr viel Geld.
42:15
Wenn beide so viel Geld brauchten, warum kam denn die Forderung danach so spät?
42:20
Unsere Vermutung war gewesen, dass in den drei Binnenlux-Ländern ein Wecker als Zündmechanismus verwendet worden ist. Das war sehr mechanisch. Bei uns war es eine Evaluierungsausbaustufe. Die USBV sollte per Handy gezündet werden. Es ging dann mehr in den digitalen Bereich hinein. Und das lief schief. Deswegen wollten sie erst einmal die Füße stillhalten und Gras über die Sache wachsen lassen.
42:43
Ja, vielleicht wollten sie allerdings auch ihre Forderungen deutlicher machen, sodass man eher bereit war zu bezahlen.
42:50
Sie wirkten jedenfalls relativ unorganisiert und haben auch immer wieder Fehler gemacht.
42:54
Ja, hätten die beiden in Prag nicht so viele Spuren hinterlassen, wären sie vielleicht gar nicht festgesetzt worden. Und man kann wirklich von Glück sprechen, dass dabei niemand zu Schaden kam.
43:05
Damit sind wir am Ende der heutigen Folge. Wir bedanken uns ganz herzlich bei Ihnen, Herr Schrader und Herr Mertens, dass Sie sich die Zeit genommen haben und heute zu uns ins Studio gekommen sind.
43:14
Ja, vielen Dank dafür, dass wir hier sein konnten. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht.
43:18
Ja, ich schließe mich dem an. Eine sehr interessante Sendung.
43:20
Danke auch an den Krisenberater und Autor Jörg Trauboth und an Carolin Rückel, die Autorin dieser Folge. Wie immer am Ende vielen Dank auch an euch fürs Zuhören. Ich sage bis zum nächsten Mal bei Aktenzeichen XY unvergessene Verbrechen. Ganz wichtig wie immer, bleibt sicher.
43:38
Wenn euch die Folge gefallen hat, dann abonniert doch gerne unseren Podcast, dann verpasst ihr auch die nächste Folge nicht. Bis dahin und tschüss. An dieser Folge mitgearbeitet haben Nikola Henisch-Koros, Katharina Jakob und Zoe Jungblut. Für Ton und Technik sorgten Stefan Gossen und Florian Oswald. Die Regie hatte David Kromer und die Redaktion im ZDF Kirsten Zilonka und Sonja Roy.
44:02
Die Podcast-Folgen könnt ihr übrigens auch auf dem ZDF True Crime YouTube-Kanal anhören. Den Link dazu, wie auch alle Infos zu dieser Folge, findet ihr wie immer in den Shownotes. Aktenzeichen XY unvergessene Verbrechen. Eine Produktion der Securitel in Kooperation mit BUM-Film im Auftrag des ZDF.